Rückblick auf den Internationalen Slawistenkongress 2025 in Paris
(von Ursula Doleschal)
Am Anfang des neuen Jahres möchte ich einen Blick zurück auf das slawistische Großereignis von 2025 werfen – den XVII. Internationalen Slawist*innenkongress. https://mks-paris.sciencesconf.org/
Der XVII. –- außerordentliche – Slawist*innenkongress fand von 25.-30.8.2025 an der Sorbonne in Paris, wie vom Internationalen Slawistenkomitee 2018 in Belgrad beschlossen, statt und damit erstmals in einem Land ohne slawische Staatssprache oder Titularnation. Die Organisation des Kongresses war zwar von den aktuellen politischen Ereignissen, dem Krieg in der Ukraine und im Gazastreifen, überschattet – so konnten Slawist*innen aus Russland und Weißrussland auf Grund der Sanktionen der EU nicht als Vertreter*innen ihrer Länder teilnehmen. Ebenso entsandten die Slawist*innenkomitees der Ukraine und der Türkei aus unterschiedlichen Gründen keine offizielle Delegation. Somit war die Slawistik dieser Länder in einem viel geringeren Ausmaß vertreten, als dies auf Grund der bestehenden Länderquoten die Regel ist. Dennoch nahmen über 850 Slawist*innen aus 43 Ländern teil.
Von österreichischer Seite waren 27 Präsentationen angemeldet. Die österreichische Slawistik wurde in Paris von 24 Personen mit 9 Sektionsvorträgen und 13 Beiträgen in thematischen Blöcken, Round tables und Kommissionssitzungen sowie 4 Posterpräsentationen in Präsenz vertreten. 2 Vorträge wurden in Kooperation mit Slawist*innen aus Kroatien und Finnland durchgeführt. Besonders erfreulich war die Teilnahme von 7 Nachwuchswissenschaftler*innen mit oder ohne Doktorat. Zudem wurden zwei thematische Blöcke von österreichischen Slawist*innen organisiert.
Eine Auswahl der Beiträge wird 2026 im Wiener slawistischen Almanach publiziert. Die Abstracts sind auf der Kongresshomepage veröffentlicht: https://mks-paris.sciencesconf.org/resource/page?forward-action=page&forward-controller=resource&id=20&lang=en.
Der nächste Internationale Slawist*innenkongress findet zum 100-jährigen Jubiläum 2029 in Prag mit maximal 600 Teilnehmer*innen statt.
Mein besonderer Dank gilt den Kolleg*innen im österreichischen Slawist*innenkomitee (Heinrich Pfandl und Tatjana Petzer (Graz), Jürgen Fuchsbauer und Gernot Howanitz (Innsbruck), Peter Svetina (Klagenfurt), Peter Deutschmann und Imke Mendoza (Salzburg), Miranda Jakiša und Emmerich Kelih (Wien)) für die gemeinsame Vorbereitungsarbeit!
Sektionsvorträge
- Beretta Cristina: Transcultural Memory as Agency against Nationalistic Imaginary in Post-Yugoslav War Literature
- Deutschmann Peter: Heroes of Our Time? Depictions of Dissent ex post
- Jakiša Miranda: The Impact of Wars on the Slavic Literary Studies: The Subcase of Transgenerational Diasporic Post-Yugoslavism
- Jandl-Konrad Ingeborg: Nedžad Ibrišimović: reconstitutions de Dostoïevski
- Kolaković Zrinka, Perić Gavrančić Sanja, Horvat Marijana: Language change, language planning, and the fate of the pronominal clitic ju in Croatian. A diachronic perspective
- Nazaranka Tatsiana: Belarusian: Mind the gap between Taraškieviča und Narkamaŭka
- Pfandl Heinrich: Razglednice slovenskega ozemlja v Avstro-Ogrski: Jezikovni vidik. Ljubljana in Maribor
- Teichgräber Stephan-Immanuel: Postcolonialism in Central Europe
- Tyran Katharina, Rieger Lisa, Doleschal Ursula: Commodifying minority languages: Slovene and (Burgenland)Croatian in Austria
- Zand Gertraude: Wüste, Dschungel, Megacity: Globalisierung in der tschechischen Prosa
- Kaltseis Magdalena: Who actually «carries» the Russian language? A critical perspective on the role and concept of the «nositel’ jazyka» in Russian as a second/ foreign language pedagogy (abgesagt)
Thematische Blöcke
- La politesse linguistique / Языковая вежливость organisiert von Imke Mendoza
- Poétique paradoxale: le typique et le topique dans le réalisme du XIXe siècle / Paradoxical Poetics: The Typical and the Topical in 19th Century Realism, organisiert von Gernot Howanitz
Vorträge bei Thematischen Blöcken
- Bounatirou Elias: Книжные и народные элементы в языке берестяных грамот и их функции
- Howanitz Gernot: Jan Lam’s Galician Cabinet of Curiosities, or: A (not so) Typical Take on the Periphery
- Krivko Roman: Славянский язык в (меж) славянских частных и дипломатических актах X–ΧΙΙΙ вв.
- Mendoza Imke: Скрытая (не)вежливость
- Prenner Maria Katarzyna: Alphabets in contact: biscriptual belarusian newspapers in the early 20th century
- Rathmayr Renate: Вежливость в разных дискурсах
- Teichgräber Stephan-Immanuel: What could Central European literary studies look like? 25 years of the Documentation Centre for Eastern and Central European Literature in Vienna
- Tošović Branko: Južnoslovenski stilistički prostor na spoju XX i XXI vijeka
- Zink Andrea: Realism and Humour
Beitrag bei Round table
- Jandl-Konrad Ingeborg: Female Bosnia. A road trip through Wonderland
Vorträge bei Kommissionssitzungen
- Reuther Tilmann: On government models of verbs in Surzhyk (Grammatikkommission)
- Tošović Branko: Стилистические инновации в процессе виртуального порождения текстов и их исследования (Stilistikkommission, Vortrag und Moderation)
Posterpräsentationen
- Kucherova Angelina: Die Verslehre in russischem Rap (am Beispiel sozialpolitischer Lyrik von Oxxxymiron, Noize MC, Husky)
- Pelc Adrian: Aspects of the Archaic in the 1960s Yugoslav Cinema
- Wieserová Karolina: Animacy alternations in Czech
- Petrov Ivan P.: Theological terminology in the Didactic Gospel of Constanin Preslavski
_____________________________________________________________________________

Am Internationalen Slawistik-Kongress in Paris präsentierte Karolina Wieserová ein Poster mit Teilergebnissen ihres Dissertationsprojektes. Im Fokus stand die Rolle der Polysemie bei Belebtheitsalternationen im Akkusativ Singular maskuliner Substantive im Tschechischen. Anhand des Substantivs jezdec wurde gezeigt, wie unterschiedliche Bedeutungen unterschiedliche Akkusativformen auslösen. Der Slovník spisovného jazyka českého (2011) verzeichnet bis zu sechs Bedeutungen; besonders produktiv sind die Bedeutungen Reiter/Fahrer, Springer (im Schach) und Schieberegler. Während die primäre Bedeutung sowie die Schachfigur konsequent die Flexionsendung -a im Akkusativ verwenden, schwankt der Akkusativ in der Bedeutung „Schieberegler“ zwischen belebter und unbelebter Flexion, mit klarer Tendenz zur unbelebten Form (Nullmorphem). Das Belebtheitsmerkmal bleibt somit bei der semantischen Ableitung zur Schachfigur erhalten, geht jedoch bei der Ableitung zum technischen Objekt verloren.
Tatsiana Nazaranka hielt einen Vortrag mit dem Titel Belarusian: Mind the Gap Between Taraškeviča and Narkamaŭka. Im Mittelpunkt stand die Entwicklung der Standardisierung des Belarussischen sowie das Nebeneinander zweier Kodifikationen: Taraškevica, benannt nach Branislaŭ Taraškevič, und Narkamaŭka, die ihren Namen vom Narodny Kamisariat, dem leitenden Organ der Belarussischen Sozialistischen Sowjetrepublik, ableitet. Der Beitrag argumentiert, dass zwei gegensätzliche Richtungen im Standardisierungsprozess des modernen Belarussischen – eine Standardisierung von unten und eine Standardisierung von oben – eine anhaltende Spannung zwischen Narkamaŭka und Taraškevica hervorgebracht haben. Diese Spannung zeigt sich unter anderem in zeitgenössischen digitalen Diskursen, etwa in Instagram-Posts. Das Extended Abstract des Vortrags wird 2026 im Wiener Slawistischer Almanach veröffentlicht.
kleine Bildergalerie Paris 2025








Vorheriger Beitrag